Gottes Hilfe erfahren!

Vergebung für einen Mörder.

Als alleinerziehende Mutter von zwei Mädchen, die zum Zeitpunkt der Scheidung mit 6 und 8 Jahren noch recht jung waren, war das Leben nicht immer einfach. Es gab Tiefen, aber auch viele Höhen und viel Freude, da wir viel Zeit miteinander verbrachten. Doch dann geschah etwas Furchtbares, von dem ich gedacht hatte, das passiert nur in Filmen oder in Romanen.

In der Neujahrsnacht 2000 will Steffie mit Freundinnen die Jahrtausendwende feiern. Doch anstatt wie geplant in einer Halle auf dem Dorf zu feiern, zieht es die Mädchen in die Stadt Freiburg. Am frühen Morgen wollen sie zurück. Doch aus Versehen besteigen sie einen Bus, der nicht in ihr Dorf fährt. An der Endhaltestelle steigen sie aus. Ein anderer Bus fährt um diese Zeit nicht mehr, also machen sie sich zu Fuß auf den Weg in ihre rund acht Kilometer entfernten Heimatdörfer. Sie freuen sich, dass plötzlich neben ihnen ein weißer VW-Golf stoppt und der Fahrer ihnen anbietet, sie ein Stück mitzunehmen. Nur nach Schallstadt würde er nicht fahren, sagt der Fahrer. Zwei Mädchen steigen also ein – und kommen tatsächlich sicher nach Hause. Steffi geht alleine weiter. Plötzlich hält der nette Fahrer von vorhin wieder bei ihr und bietet ihr an, sie doch noch nach Hause zu bringen. Sie steigt sorglos ein. Zwei Kilometer vor ihrem Zuhause biegt der Mann in einen Feldweg ab...

Am nächsten Tag findet ein Bauer die Leiche von Steffie. Er informiert die Polizei, die überbringt schließlich die Todesnachricht. Seit dem Augenblick ist für Nadine und mich nichts mehr so wie vorher. Die Welt bricht für uns zusammen.

Die beiden Schwestern waren unzertrennlich gewesen. Wir hatten sehr aneinander gehangen, hatten eine besonders gute Beziehung. So war der Verlust und die Grausamkeit des Geschehens für uns beide unbeschreiblich furchtbar. Viele Freunde haben uns beigestanden, doch irgendwann ging der Alltag für sie einfach weiter, während wir beide von unserem Schmerz aufgezehrt wurden, wir haben nur noch irgendwie funktioniert. Weiterzuleben kostete unendlich viel Kraft. Alpträume quälten uns, ich konnte nicht mehr arbeiten. Nadine bekam Probleme in der Schule, wurde zur Außenseiterin, weil ihre Mitschüler nicht mehr wussten, wie sie mit ihr umgehen sollten. Freude gab es für uns beide nicht mehr. Wir gingen durch die Hölle.

Es war für uns kaum ein Trost, dass der Täter schon wenige Tage später ermittelt wurde. Die beiden Freundinnen, die der Täter zuerst nach Hause gebracht hat, brachten die Beamten auf die richtige Spur.
 
Zwei Jahre nach der Tat hatte Nadine keine Kraft mehr. Sie versuchte sich das Leben zu nehmen. Der Selbstmordversuch scheiterte. Einige Wochen verbrachte sie in der Jugendpsychiatrie. Doch der Aufenthalt dort und eine Verhaltenstherapie, die wir zusammen machten, half nur bedingt. Entspannung fand Nadine nur, wenn sie sich mit einer Rasierklinge Wunden zufügte. Ich war verzweifelt. Wie sollte es nur weiter gehen? Ich hatte ebenfalls Selbstmordgedanken, die ich nur nicht umsetzte, weil ich Nadine nicht alleine lassen wollte.

Ich fühlte mich von der übrigen Welt allein gelassen und unverstanden. Eltern von Freunden von Steffie kümmerten sich, boten immer wieder ihre Hilfe an. Sie waren Christen. Sie halfen mit Rat und Tat, etwa im Haushalt, oder waren zu einem Gespräch da. „Der einzige, der euch in eurer Situation helfen kann, ist Jesus Christus“, meinen die Freunde: „Nur er kann euer Leben verändern.“ Wir beide wussten: wir brauchen dringend Hilfe, aber niemand hatte uns bisher helfen können. Wir hatten nichts mehr zu verlieren, es war sowieso alles egal. Also sprachen wir beide schließlich ein Gebet nach, in dem wir Jesus Christus in unser Herz einluden. Es war der 24. Oktober 2002. Das Gebet blieb nicht ohne Folgen. Langsam aber stetig ging es uns beiden besser!  Der Lebensmut kam zurück. Wir wussten und spürten: Jesus Christus ist bei uns. Ich machte eine ungewöhnliche Erfahrung: Als ich anfing, in der Bibel zu lesen, spürte ich, dass es mir besser ging, ich konnte auf einmal wieder schlafen und fühlte mich am nächsten Morgen so fit, dass ich gerne arbeiten gehen wollte. Am nächsten Tag las ich erneut in der Bibel – mit denselben Konsequenzen. Bald konnte ich an meine Arbeitsstelle zurückkehren. Weil es Nadine noch nicht ganz so gut ging, konnte ich anfangs zu Hause arbeiten.

Ich besuchte bald – zuerst zögerlich – die Pfingstgemeinde meiner Freunde. Dort stellte ich mich hinter die letzte Reihe ganz nach hinten. Als ich wiederkam, stand ein Stuhl dort für mich - ein sichtbares Zeichen dafür, dass ich hier willkommen war. Schließlich gab ich meine Vorbehalte auf, fand Freunde in der Gemeinde, sie wurde Nadines und meine neue Familie. Dort ließ ich mich im Jahr 2003 taufen, Nadine ein Jahr später. Wir wurden beide nach und nach von körperlichen und von seelischen Schmerzen geheilt. Die Medikamente – Antidepressiva -, die wir beide vorher genommen hatten, brauchten wir nicht mehr. Nadine bestand ihre Mittlere Reife und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester, die sie erfolgreich beendete. Heute arbeitet sie als Stationsschwester. 

Eines Tages erkannte ich, dass es an der Zeit war, nicht nur allen Menschen, die mich einmal verletzt haben, zu vergeben, sondern auch dem Täter. Aus Liebe zu Jesus und dadurch, wie ER mein Leben führte und mich versorgte, war ich bereit, ca. zwei Jahre nach meiner Bekehrung, dem Täter zu vergeben. Ich fing an, bei der Gefängnisarbeit „Schwarzes Kreuz“ mitzuarbeiten, da ich spürte, dass mir diese Menschen sogar besonders am Herzen liegen. Dabei war mir bewusst: eines Tages werde ich dem Mörder meiner Tochter begegnen. Dieser Gedanke war nicht erschreckend, denn Jesus bereitete mich schonend und liebevoll auf diese Begegnung vor. Dieser Mann kam jedoch nie in die Gruppe, obwohl ich ihn mehrfach durch andere Gefangene dazu einladen ließ. Ich erfuhr durch sie, dass er mittlerweile erkrankt war und nicht mehr lange zu leben hatte. Anfang diesen Jahres (2009), erfuhr ich, dass er in eine Klinik verlegt worden war. Das war für mich die Gelegenheit, ihm endlich zu begegnen, um ihm meine Vergebung auszusprechen. Der Oberstaatsanwalt, den ich um Besuchserlaubnis bat, wusste nicht, wie er mit solch einer Situation umgehen sollte . Er hatte wohl Angst, dass ich dem Täter etwas antun will. Auch die Ehefrau des Täters hatte zunächst Angst vor einer Begegnung.

Dass dieses Treffen überhaupt möglich wurde, verdanke ich allein Gottes Eingreifen. Ein Krankenpfleger des Täters und ein Staatsanwalt, beide Christen, setzten sich für die Sache ein und Anfang Februar 2009 kam die Begegnung tatsächlich zustande. Der Gefängnisseelsorger, eine Sozialarbeiterin und die Ehefrau des Täters waren mit dabei. Der Kranke lag im Bett und reichte mir seine Hand, die ich ergriff und festhielt. Er bat mich um Vergebung und ich antwortete ihm, dass ich gekommen war um ihm zu sagen, dass ich ihm vergeben habe, und dass ich Jesus kennengelernt habe, der mich von allen Schmerzen geheilt und mir ein völlig neues Leben geschenkt hat. Und nicht nur das, sondern dass auch Gott ihm vergeben wolle. Völlig unerwartet bat der Mann mich spontan, mit ihm zu beten. Und so betete ich mit ihm. Er sagte "Ja" zu Jesus, nicht nur mit Worten, auch mit seinem Herzen. Das war ein ganz heiliger Moment,  die Herrlichkeit Gottes war in dem Raum spürbar. Die Sozialarbeiterin war so beeindruckt von der Atmosphäre, dass sie ebenfalls ihr Leben Jesus anvertraute und auch die Ehefrau des Mannes. Dann reichten wir uns die Hände und sprachen ein Vaterunser. 14 Tage später starb der Mann – als ein von Gott begnadigter Sünder. 

Für mich wurde einmal mehr deutlich, welche verändernde Kraft von Gott ausgeht. Ich habe erlebt, wie real der Frieden sein kann, den Gott schenkt: Das ist gewaltig und wunderschön. Ich bin zutiefst dankbar für diese Erfahrung. Jesus Christus ist der Mittelpunkt meines Lebens: Es gibt keine bessere Entscheidung in meinem Leben, als mich ihm in allem anzuvertrauen. Aus menschlicher Sicht ist das, was geschehen ist, nicht zu erklären, doch wenn man die Liebe, die Jesus schenkt, kennengelernt hat, weiß man: Mit IHM ist alles möglich.


Ursula Link


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